[…] „Jahrbücher und Anthologien sind immer problematisch“, bemerkte Bürgermeister Ernst Koref in seinem Nachwort zur Stilleren Heimat für das Jahr 1952, die immerhin bereits Beiträge von Ilse Aichinger und Marlen Haushofer, Heimrad Bäcker und Franz Kain enthält. „Ein einheitliches Profil ergibt sich aus den thematisch und stilistisch so verschiedenartigen Beiträgen selten. Andererseits ist gerade die Vielfalt der Aussage, der Reichtum an Möglichkeiten ein besonderer Reiz solcher Bücher.“ Die von Koref lobend hervorgehobene Vielfalt der literarischen Aussage und der Reichtum an Möglichkeiten sind bis zum heutigen Tag ein Kennzeichen der Facetten geblieben. Dieses Jahrbuch war von Anbeginn weder zur bloßen Spielwiese für den Nachwuchs noch zum exklusiven Tummelplatz der Etablierten bestimmt, vielmehr zu einem Ort, an dem alle Autorengenerationen einander begegnen. Es erhob nie den Anspruch, literarische Rangordnungen zu erstellen oder festzuschreiben, nach dem heute gängigen Muster der „wichtigsten dreißig Erzählungen“ und der „fünfzig schönsten Gedichte“, sondern begnügte sich damit, Jahr um Jahr Momentaufnahmen einer literarischen Region zu liefern. Dabei musste es den sprichwörtlichen Mut zur Lücke immer wieder aufs Neue beweisen und immer wieder aufs Neue das Risiko eingehen, ästhetische Positionen, die miteinander unvereinbar sind, zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen, aus literarischen Antipoden Nachbarn zu machen und sie Seite an Seite zu präsentieren, in dem sicheren Bewusstsein, dass die Literatur einer Epoche keineswegs nur eine wahllose Ansammlung von Texten ist, die beziehungslos nebeneinander entstehen, sondern, um es mit den Worten Herbert Eisenreichs, eines Facetten-Autors der ersten Stunde, zu sagen, „eine Art Organismus, in dem ein jedes Organ funktionieren muß zum Wohle der andern Organe, zum Wohle des Ganzen, in dem und aus dem er selber lebt. Das Experiment an den Rändern des Sagbaren hat die gleiche Berechtigung wie die Unterhaltung; das Esoterische hat darin genauso seinen Platz wie das Didaktische; an dem einen Ort wird die Artistik vorangetrieben, an dem andern ein bislang unbekannter Stoff gewonnen, ein bislang unberührtes Thema erfasst. Das entscheidende Kriterium“, so Eisenreichs Resümee, „sollten wir darin erblicken, daß einer möglichst genau in dem Rahmen seiner Möglichkeiten geblieben ist.“
Dieses Kriterium liegt auch der vorliegenden Auswahl zugrunde. Sie möchte, gemäß der langen Tradition dieses Jahrbuchs, nichts beweisen und nichts repräsentieren, sondern lediglich eine Ahnung vermitteln von der Vielfalt und Lebendigkeit oberösterreichischer Gegenwartsliteratur.
(Christian Teissl)