Johann Sebastian Bach wusste gute Kompositionen anderer Meister zu schätzen, wie zeitgenössische Berichte und die erhaltenen Reste seiner Notenbibliothek belegen. Allerdings zeigen die Abschriften, die er für Aufführungen anfertigte, dass er regelmäßig hier und da kreativ eingriff. Oft mussten die Werke auch einfach an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden – eine damals absolut gängige Praxis.
Bachs Beschäftigung mit dem Werk seines Zeitgenossen Antonio Caldara ist bekannt – und auch hier griff Bach selbst zur Feder. Die neue Carus-Ausgabe von Caldaras prachtvollem „Magnificat“ vereint erstmals beide Fassungen in einer Ausgabe: das Original des Wiener Hofkomponisten und Bachs Fassung inklusive seiner Bearbeitung des Satzes „Suscepit Israel“, die als BWV 1082 ins Bach-Werke-Verzeichnis aufgenommen wurde.
Das „Magnificat“ entstand im Rahmen von Caldaras Dienstpflichten in Wien und besticht durch eine prächtige, festliche Besetzung. In vier kunstvoll gestalteten Sätzen entfaltet Caldara seine kompositorische Meisterschaft sowohl im modernen, konzertierenden Stil als auch im traditionellen Stile antico. Bach fertigte um 1740/42 eigenhändig eine Partitur-Abschrift dieses Magnificat an. Den größten Eingriff gibt es im „Suscepit Israel“. Bach komponiert zwei obligate Violinstimmen hinzu und verdichtete das kontrapunktische Gefüge durch kunstvoll eingearbeitete Vorhaltsdissonanzen.
Die moderne Urtext-Edition von Wolfgang Hochstein macht beide Fassungen für die Musikpraxis zugänglich. Durch geschickte diakritische Kennzeichnung werden die Unterschiede im Notentext direkt sichtbar. Ein spannender Einblick in Bachs Arbeitsweise!