Marie Burmester (1870-1954)
Auf der Grenze zwischen Marsch und Geest, mit Blick auf die Nordsee, verortet Marie Burmester häufig das Handlungsgeschehen ihre Romane. Es ereignet sich nicht viel hier am Rande der Welt. Aber gerade darum gelang es der Autorin, selbst ein Kind der Region, den Alltag dieser Landschaft und der Menschen in ihr ganz unspektakulär und doch ergreifend nachzuzeichnen. Im Zentrum stehen oft religiöse Konflikte zwischen Amtskirche und pietistischer Erweckungsbewegung als Ausdruck tiefer liegender sozialhistorischer Umbrüche. In ihnen reflektiert sich der Wandel von vorwiegend agrarischen Reproduktionsverhältnissen zu industriell betriebenen. Letztere basieren zunehmend auf angewandter Wissenschaft. Das stellte überkommene Glaubenssätze der Bibel in Frage und führte zu interkonfessionellen Spannungen, die bis tief in die Familien hineinreichten. In sie waren vor allem auch Frauen involviert. Die zeitgenössische Literaturkritik rechnete Marie Burmesters Romane deshalb sowohl der Heimatdichtung zu als auch dem Frauenroman und der christlichen Erbauungsliteratur.
Dichterinnen des Nordens. Schreibende Frauen im Nordfriesland des Fin de Siècle. Eine Projektdokumentation
Die Kultur der Westküstenlandschaft Schleswig-Holsteins erschöpft sich nicht in dem, was Emil Nolde und Theodor Storm gesagt, gemalt, geschrieben haben. Sie ist unendlich viel reicher. Etwas davon, was vergessen wurde, ins Bewusstsein der Landschaft zurückzuholen, war das Ziel des empirisch-literatursoziologischen Projekts „Dichterinnen des Nordens“. Das Ergebnis der Recherchen zwischen 1992 und 2001, die unter anderem Interviews, Ortsbegehungen, Sichtungen der Nachlässe und Einblicke in Archive umfassten, sind in den zehn Bänden der Reihe, geordnet nach Autorinnen, zusammengefasst. Sie bildeten zugleich die Grundlage der anschließenden Neuausgabe der Romane Thusnelda Kühls, K. v. d. Eiders, Elfriede Rotermunds, Margarete Böhmes sowie der gemeinsam mit Thomas Steensen herausgegebenen zwanzig Bände umfassen Buchreihe „Nordfriesland im Roman“ zwischen 2007 und 2025.
Die Themen der Autorinnen, die gemeinhin dem poetischen Realismus und der Heimat- bzw. Regionalliteratur zugerechnet werden, umfassen unter anderem das obsolet Werden der bisherigen Geschlechterverhältnisse, den Rollenwandel der Frauen, den Übergang von der traditionellen Landwirtschaft zur Agrarindustrie, die größer werdende Differenz zwischen Arm und Reich. Insofern können sie durchaus der gesellschaftskritischen Belletristik ihrer Zeit zugerechnet werden, das auch deshalb, weil sie in ihren Schilderungen sehr dicht an der beobachteten Realität bleiben. Obwohl die zehn Autorinnen damals überregionale Beachtung, einige sogar Weltgeltung erlangten, zählten sie lange Zeit zu den von der Literaturwissenschaft zu Unrecht vernachlässigten poetae minores. Zu Unrecht vernachlässigt, weil die „kleineren Geister“ für die Bewusstseinsgeschichte ihrer Epoche und ihrer Region häufig repräsentativer sind als die sogenannten „großen Geister“. Repräsentativer sind sie, weil sie, im „kollektiven Unbewussten“ verharrend, unmittelbarer auf Denkgewohnheiten und Weltanschauungen, auf Ideen und Ideologien ihrer Zeit zurückgreifen und reagieren, sie aufnehmen und literarisch verarbeiten, gleichsam ein Sittengemälde ihrer Region und Epoche. Sie sind so zu einem Dokument der Mentalhistorie geworden wie Zeitungsartikel, Tagebücher, Biographien etc., die der Realgeschichte ihren Sinn gaben.
Arno Bammé
Es handelt sich hier um einen übernommenen Restbestand des ursprünglich im Münchner Profi-Verlag erschienenen Buches.