Ein Gedichte zur Weltwendezeit – als solches bezeichnet Michael Schilar sein langes, episch-dramatisches Gedicht »Von Fluten und vom Widerstehen«, worin ein Maler nach Grönland gereist ist, um das Eis, bevor es weiter schwindet, in Kunst zu bewahren. Mehr noch: Er träumt von Rettung für das Eis und auch für uns Menschen, Rettung, die gerade mit den Wirkungen des erhofften Gemäldes verbunden sein sollte. Der Mann scheitert vor Grönlands Küste – war sein Anspruch von Beginn an Illusion? Und: Welche sind die Quellen einer möglichen Rettung?
Der schmelzende Eiskoloss, den der Maler-Schiffer vom Meer aus beobachtete und den er später in einem Bild verewigen wollte, hatte ihm, kurz bevor er dann über ihn niederbrach, zugerufen:
„Ein Geschehen, katastrophisch –
Ja, es scheint dir zugedacht.
Ist dein Tod auch philosophisch,
Trifft er doch mit ganzer Macht!“
Trotz des Scheiterns dieses wichtigen Protagonisten des Gedichts ist es insgesamt vor allem eines: ein – eben auch Tragik einschließendes – fortgesetztes Suchen und Forschen nach Auswegen aus tragischen Entwicklungen. So schildert es bestimmte Lösungsansätze, um die klimatische und ökologische Krise meistern zu können. Sie liegen im Bereich von Technik und Naturumgestaltung, von grundlegenden sozialen Veränderungen, auch des Rechtsbegriffs (hier mit dem Gedanken von Rechtsverhältnissen, in die die Natur und deren Phänomene einbezogen sind) sowie der kulturellen Erinnerung und eben auch der Kunst. Am Ende des Gedichts können die geschundenen Elemente, im besonderen Wellen und Wind, dem am Meeresufer entlangwandernden Menschenzug auf den Weg geben:
„Doch ihr könnt‘s! Bezähmt die Geister,
Die ihr selbst gerufen habt!
Zauberlehrling, werde Meister,
Denn du bist dazu begabt!“ –
„Von Fluten und vom Widerstehen” behandelt eine sehr zeitgemäße Thematik in einem an frühere Epochen erinnernden sprachlichen Gewand, so als seien da, speziell in aufklärerischen Traditionen, noch heute relevante geistig-moralische Maßstäbe zu gewinnen. Das Gedicht besteht aus drei Teilen, die erst den Weg des Maler-Schiffers und dann den eines Wanderers und eines weiteren Malers – bei den letzteren im Zusammenhang mit einer sich bildenden natur- und klimabewussten Menschengesellschaft – beschreiben. Es besteht weit überwiegend aus gereimten Vierzeilern, im kleineren zweiten Teil jedoch aus freien Rhythmen. In der einen wie in der anderen Form scheinen die Verse geradezu den Generalbaß des Seegangs aufzunehmen, als würde der dem Ganzen unterliegen.