Bernard Bolzano ist vor allem als Vorläufer der analytischen Philosophie bekannt. Doch auch die Ästhetik spielte in seinem Denken eine bedeutende Rolle. Zeugnisse seiner kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Schönheit und der Kunst finden sich in seinen Erbauungsreden, den Philosophischen Tagebüchern und in seinen späten ästhetischen Abhandlungen. Gemeinsam mit Franz Xaver Niemetschek – dem Autor der ältesten Mozart-Monographie sowie einem prägenden Historiker und Kritiker der böhmischen Kunst, der 1811/1812 den Ästhetikunterricht an der Prager Universität übernahm – steht Bolzano für eine nüchterne böhmische ästhetische Tradition. Diese grenzte sich bewusst vom kantischen transzendentalen Idealismus ab, indem sie ästhetische Eigenschaften weiterhin im Objekt selbst verankerte. Das Buch analysiert die zentralen Begriffe dieser Theorien – Schönheit, (bildende) Kunst, Genie und Erhabenheit – im Kontext der deutschen Ästhetik des 18. Jahrhunderts. Damit leistet es einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der frühen böhmischen Ästhetik sowie zur Rezeption wolffianischer und anthropologischer Schönheitslehren und von Kants Kritik der Urteilskraft in Böhmen und Österreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Tomáš Hlobil, Professor am Institut für Ästhetik der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag. Forschungsschwerpunkte: europäische Ästhetik des 18. Jahrhunderts; Geschichte der Ästhetik in den böhmischen Ländern und in Österreich im 18. und 19. Jahrhundert; Theorie und Geschichte der Historiographie der Ästhetik.