Es gibt etliche Auslegungen von Bildung, etwa Aus-, Fort-, Erwachsenen- oder Berufsbildung, aber auch solche wie z.B. Selbst-, Moral-, Willens- oder Gewissensbildung.
In einem ganzheitlichen Bildungsbegriff finden sämtliche Auslegungen ihren Platz, weil dessen Theorie das komplexe Verhältnis von Sein und Sollen, Verstand und Vernunft, Vorrationalem und Mündigkeit zugrunde legt und daraus Folgerungen für deren Grundzüge zieht. Ganzheitlich zielt in zwei Richtungen: Auf den Menschen als eine Ganzheit und auf das ganze „Sein“ (= Welt und Außerweltlichkeit), denn ohne religiöse Bildung ist eine umfassende Mündigkeit nicht zu haben.
Mit Verstand erklären und begründen wir dasjenige in der Welt, was wahr bzw. der Fall ist, also das „weltliche Sein“, mit Vernunft dementsprechend das „Sollen“, also dasjenige, was richtig sein soll. Im „Sein“ der Natur ohne den Menschen gibt es allerdings kein „Sollen“. Nur für Menschen spielt es eine große Rolle, etwa: Du sollst ein vollwertiges Mitglied deiner Gesellschaft werden sowie Mutter und Vater ehren und nicht lügen, stehlen, morden oder dein Wort brechen!
Analytisch betrachtet bleibt also eine Differenz zwischen Verstand und Vernunft bzw. Sein (Tatsachen) und Sollen (Normen) bestehen, doch kann auch gezeigt werden, dass und wie Erkenntnisse und Richtlinien in der gesamten Alltagspraxis (Wissenschaft, Wirtschaft, Freizeit etc.) dialektisch verknüpft sind. Denn um zu erkennen, was der Fall ist, muss man wissen, wie man vorgehen soll, und umgekehrt. Dabei ist Sollen auf Wollen und Werten rückführbar. Das heißt, Verstand und Vernunft, also theoretische und praktische Rationalität, können miteinander als personale Identität dialektisch vermittelt sein, etwa in Politik, Religion, Technik, Ökonomie, Kunst sowie Sport und Spiel. Voraussetzung dafür ist, dass man dies will.
Diese Vermittlung und Rückführung sind auch für die Pädagogik von Bedeutung, weil ein Wille zur ganzen Ratio = [Verstand (&) Vernunft] benötigt wird, um damit ganzheitliche Bildung praktisch entfalten zu können. Dabei ist die Verknüpfung (&) nicht bloß eine Addition, sondern entspricht eben dieser dialektischen Wechselbeziehung.
Obgleich der Verstand gezielt durch Ausbildung und Vernunft durch Selbstbildung gefördert werden, so sind doch beide wegen dieser Dialektik vielfältig verbunden, woraus folgt: Ganzheitliche Bildung = Ausbildung (&) Selbstbildung. Die Bedeutung dieser dialektischen Theorie der ganzheitlichen Bildung wird in den oben genannten Bereichen der Alltagspraxis in Grundzügen exemplarisch dargestellt.