Der Zweite Weltkrieg veränderte die Gesellschaften Mittel- und Osteuropas grundlegend. Soziale Bindungen und Strukturen wurden durch brutale Besatzungspolitiken und weitreichende Deportationen zerstört, mit Langzeitfolgen für die Gesellschaften in ihrer Ganzheit, aber auch für deren Individuen in ihrem sozialen Gefüge. Nicht zuletzt Geschlechterrollen und Geschlechterverhältnisse wurden davon beeinflusst. Diese alltags- und geschlechterhistorische Dimension des Zweiten Weltkrieges in Mittel- und Osteuropa kam in bisherigen Forschungen oft zu kurz, wodurch ein integrierter Blick auf Auswirkungen in der Nachkriegszeit verstellt wurde.
Der vorliegende Band versammelt Beiträge zu unterschiedlichen Ländern dieser Region, die von mehrfachen Eroberungen und brutalen Besatzungen durch deutsche und sowjetische Aggressoren sowie durch die daraus folgenden innergesellschaftlichen Spannungen und Konflikte geprägt wurden, die sich entlang ideologischer und ethnischer Kategorien entluden. Im Zentrum stehen dabei Fragen nach ideologischen Vorgaben und alltäglicher Umsetzung von Geschlechterrollen in den Besatzungs- und Verteidigungsarmeen sowie den Partisanengruppen, nach der Macht gegenderter Deutungsmuster in offizieller Propaganda und individueller Selbstdeutung von Okkupanten und Okkupierten, sowie nach den dementsprechenden Auswirkungen des Krieges in die Nachkriegszeit. Geschlechtsspezifische körperliche Erfahrungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.