Ein typisches Phänomen der Ansichtskartenindustrie sind die Berggesichter. Sie wurden auf einen Schlag bekannt, ja berühmt und entsprechend verbreitet, nachdem E. Hansen, der sich ab 1902 Emil Nolde (1867–1956) nennt, zwei solcher Originale an die Zeitschrift «Jugend» zum Abdruck schickte, wo die Skurrilitäten Gefallen fanden, ja einen hype auslösten. Sofort sorgte er für Nachschub in Form von Ansichtskarten mit Motiven aus den Schweizer Bergen. Mit dem Erlös aus den insgesamt rund 30 Karten, die ab 1895 publiziert wurden, konnte er sich ein Kunststudium finanzieren, resp. hatte fortan die Möglichkeit für eine freie Künstlerkarriere.
Sofort wurde die Idee von verschiedenen Illustratoren aufgegriffen und auf andere, in gewissem Sinne anthropomorphe Landschaften adaptiert, resp. für das Genre geeignete Bergformationen ausgewählt und figuriert. Der alpine Raum war dafür besonders geeignet, da es für die Personifizierung von Landschaftskörpern bereits in den Flurnamen Entsprechungen gab, die ihrerseits vermutlich auf solche Imaginationen, Sagen und tradierte Bezeichnungen zurückzuführen sind. Bei der Suche nach topografischen Bezeichnungen sind ja morphologische Charakteristika massgebend. Und dass der Mensch als derjenige, der die Bezeichnungen sucht und zuweist, in der Natur eine gewisse Anspielung und Entsprechung sieht, ist offensichtlich. Er sieht in der Anthropomorphisierung der Natur auch eine Art legitime Aneignung, Bewältigung oder Unterwerfung, da sich figurative Ebenbilder seiner selbst eher domestizieren lassen. Wer dem Berg einen Namen, resp. menschlichen Charakterzug gibt, kann ihn eher in Schach halten, mit ihm reden, seine Wetterkapriolen verstehen oder ein Unwetter verzeihen. Da die Natur ohnehin ständig lebt und sich verändert, ist der Umgang mit ihr, indem der Mensch die Natur beseelt, ohne Zweifel leichter. Dadurch kann er die Natur verfluchen, das Wetter, das Klima allgemein, tropische Hitze wie Dauerregen, Vulkane, Hurrikane, Erdbeben und Murgänge im Besonderen.
Woher Hansen/Nolde etwa 1892 die Idee hatte, den Bergen ein Gesicht zu geben und diese auf Ansichtskarten drucken zu lassen, ist nicht überliefert. Vermutlich war es die Eingebung auf einer seiner Bergtouren im Säntisgebiet, bei der ja bestimmte Bergformationen sprechende Namen hatten, so z.B. «Altmann» oder «Papa Sentis» selbst. Da er ein SAC-Mitglied war und viele Touren unternahm, war er auf vielen Gipfeln (Matterhorn, Jungfrau, Monte Rosa) und betrachtete vielen alpine Berühmtheiten (Schreckhörner, Churfirsten, Mönch etc.), die sein parodistisches Zeichentalent beflügelten. Und da das Magazin «Jugend» in München den Erstabdruck ermöglichte, war das Tor für die nachmalige Verbreitung weit geöffnet, da es mehrere Verlage gab, die immer wieder nach neuen Sujets verlangten.
Sicherlich war Hansen/Nolde nicht der erste, der einen solchen Einfall hatte. Die Anthropomorphisierung der Landschaft ist bereits seit dem späten 15. Jahrhundert ein Thema. Es ist der Versuch, die der Natur innewohnenden Kräfte zu personifizieren und durch eine Montagepraxis von Topografie und Anatomie zu visualisieren. Alchemie, Hermetik, Emblematik, Signaturenlehre sind die Stichworte, die es aufzubrechen galt und die fortan wundersame Überlegungen und Bildfindungen zeitigten. Im Garten der Magie, im Kontext von Kuriositäten- und Wunderkabinetten, gediehen mancherlei Sonderlinge, die das Weltbild je auf ihre eigene Art interpretierten.
Gezeigt wird eine beträchtliche Zahl von Werken, in der die Natur animiert wird und menschliche Züge annimmt – jenseits all der lächelnden Sonnen, heiteren oder betrübten Mondgesichtern angesichts ihres zyklischen Wandels und natürlich jenseits all der anthropomorphen Tiere, die die Leidenschaften und Charakterzüge des Menschen verklausulieren. Die Natur malt sozusagen mit ihren eigenen Mitteln, mit Gesteinsformationen, mit Hügellandschaften, mit Baumgarnituren und Flussläufen. Die Zutaten der Landschaft verschmelzen natürlicherweise zur menschlichen Physiognomie. Und wenn man sich dessen bewusst ist, dann sieht man überall solche Gesichter, projiziert die Körperlinien in ein Gesichtsprofil und kleckst in effigie ein Auge hin, und fertig ist das Gesicht der Landschaft.