In ihrem Buch "Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit" (2004, 2. Auflage 2008) stellen Konrad Ott und Ralf Döring erstmals eine umfassende, ethisch-philosophisch begründete Nachhaltigkeitstheorie vor. Deren Grundgerüst ist ein Ebenenmodell. Auf der obersten Ebene, die nach der grundlegenden Idee von Nachhaltigkeit fragt, verankern Ott und Döring ihre Theorie intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit. Auf der nächstkonkreteren Ebene prüfen sie ausführlich die Argumente für verschiedene Nachhaltigkeitskonzeptionen und treffen eine begründete Entscheidung für die ‚starke‘ Nachhaltigkeit, die den Erhalt von Naturkapital fordert. Auf den folgenden Ebenen (Leitlinien, Handlungsfelder, Regeln und Zielsysteme, Spezialkonzepte, Implementation) werden diese Ideen und Konzepte in immer konkretere Richtvorgaben für die Praxis übersetzt. Die klaren philosophischen Positionen und das umfassende Gesamtgerüst der Theorie lassen das Buch von Ott und Döring unübersehbar aus der Nachhaltigkeitsliteratur herausragen.
Der vorliegende Sammelband soll die Diskussion über diese Theorie weiterführen. Er gliedert sich in zwei Teile: Die Aufsätze des umfangreicheren theoretischen Teils kritisieren und ergänzen die Nachhaltigkeitstheorie nach Ott und Döring. Hier geht es zum Beispiel um für die Nachhaltigkeitstheorie grundlegende Begriffe wie ‚Gerechtigkeit‘, ‚Wert‘ und ‚Kapital‘, das Verhältnis von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit oder Spezialkonzepte wie Suffizienz und Décroissance. Der praxisorientierte Teil des Buches untersucht, welche konkreten Richtvorgaben sich aus der Theorie von Ott und Döring für Anwendungsfelder wie Waldwirtschaft, Biomassenutzung und semi-aride Weideländer ergeben - und welche Rückfragen und Probleme aus der Praxis auf die Theorie zukommen.
Inhalt:
I Theorie starker Nachhaltigkeit
A. Grunwald: Konzepte nachhaltiger Entwicklung vergleichen - aber wie? Diskursebenen und Vergleichsmaßstäbe
L. Voget: Was bedeutet es für eine Theorie starker Nachhaltigkeit, den Fähigkeitenansatz ernst zu nehmen?
T. Petersen: Nachhaltigkeit und Verteilungsgerechtigkeit
U. Hampicke: Intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit
J. Schultz: Umwelt und Gerechtigkeit - Eine Konkretisierung der intragenerationellen Dimension
M. Christen: Die Wertebasis starker Nachhaltigkeit. Eine Untersuchung der axiologischen Grundlagen des Greifswalder Ansatzes
R. Döring: Walras ‚erfindet‘ Naturkapital. Naturkapital in der Geschichte der Kapitaltheorie bis zur Neoklassik
T. von Egan-Krieger: Naturkapital als Schlüsselkonzept einer Theorie der Nachhaltigkeit
A. Biesecker, S. Hofmeister: Starke Nachhaltigkeit fordert eine Ökonomie der (Re)Produktivität
G. Scherhorn: Die Schlüsselrolle des Sozialkapitals
L. Voget: Suffizienz als politische Frage
F. Brand: Die Relevanz des Resilienz-Ansatzes für eine Theorie nachhaltiger Entwicklung
B. Muraca: Nachhaltigkeit ohne Wachstum? Auf dem Weg zur Décroissance. Theoretische Ansätze für eine konviviale Post-Wachstum-Gesellschaft
II Praxis starker Nachhaltigkeit
C. Hey: Vom Paradigma zur Politik: der lange Marsch durch die Institutionen
T. Kaphengst: Globale Biomassenutzung aus der Sicht starker Nachhaltigkeit
S. Derissen: Resilienz und nachhaltige Entwicklung von semi-aridem Weideland in Namibia
T. von Egan-Krieger: Nachhaltige Waldwirtschaft in Deutschland