Der zehnte Band der Wissenschaftlichen Reihe „Psychiatrie, Kultur und Gesellschaft in historischer Perspektive“ versammelt erneut – und in Erweiterung des Bands 7 – medizin-, politik- und sozialgeschichtliche Aspekte der südwestdeutschen Anstaltsgeschichte während des Nationalsozialismus.
Thematisiert wird die Deportation psychisch Kranker und Behinderter aus dem Rheinland nach Württemberg im Jahr 1940 anhand biographischer Aktenanalysen von Opfern der „AktionT4“ sowie die Verlegung von Patientinnen und Patienten aus dem norditalienischen Kanaltal nach Südwürttemberg im Rahmen des Hitler-Mussolini-Pakts, sowie der Reetablierung der Psychiatrie nach den Verbrechen des Nationalsozialismus, etwa im Sinne der „Wiedergutmachungs“-Vorgänge. Weitere Beiträge widmen sich den Opfern der nationalsozialistischen Rassenhygiene und der Erbgesundheitspolitik am Beispiel der Bodensee-Gemeinde Kressbronn sowie der sogenannten „Kindereuthanasie“ in Württemberg und im weiteren Gebiet des Reichs („Reichsausschussverfahren“). Ergänzt wird der Band von Beiträgen, die Biographien in den Mittelpunkt stellen. In jeweils eigenen Beiträgen werden als Täter der badische Psychiater Arthur Kuhn, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz, fraglich ein NS-Schreibtischtäter, vorgestellt, sowie – als Opfer des Regimes – der Tübinger Psychiater Otto Kant, dessen Leben und Werk, auch in Bezug auf Verfolgung und Wiedergutmachung. Eine Einzelstudie zu einem Patienten der ehemaligen Heilanstalt Winnenden untersucht den Fall des Massenmörders Ernst August Wagner. Neben den medizinhistorischen Beiträgen wird über aktuelle und noch nicht abgeschlossene Forschungsprojekte informiert.